Kinofinder

Nach „Plastic Planet” der
neue Film von Werner Boote

Über den Film:

Population Boom Filmplakat

7 Milliarden Menschen auf der Erde. Schwindende Ressourcen. Giftige Müllberge. Wer von uns ist zuviel?
Weiterlesen

Jetzt den Trailer ansehen:

Population Boom – Zum Trailer

Zum Trailer

Über die Produktion:

Population Boom - Über die Produktion

Nikolaus Geyrhalter Film arbeitet mit RegisseurInnen und AutorInnen, die eine ausgeprägte und innovative Handschrift für das jeweilige Medium besitzen.
Weiterlesen

Population Boom - Forschung

Schreckgespenst Weltbevölkerung

Ein Überblick über (Un-)Wahrheiten zur globalen Bevölkerungsentwicklung
Die Suchmaschine Google findet derzeit knapp 60 Millionen Einträge zum Begriff „Population Clock”. Auf zahlreichen Websites des sogenannten Population Establishments werden die Menschen gezählt, die Zahl der Erdbewohnerinnen und -bewohner steigt stetig und scheinbar unaufhaltsam. Die Angabe erfolgt dabei mit erstaunlicher Präzision. Allerdings sind sich diese „Weltbevölkerungsuhren” bei Weitem nicht einig, die Genauigkeit wird nur vorgegaukelt: Fast 100 Millionen Menschen liegen zwischen der niedrigsten und der höchsten Schätzung.

Population Boom - WeltbevölkerungDies offenbart bereits das Problem: Niemand kennt die genaue Zahl der Bewohnerinnen und Bewohner unseres Planeten. In vielen Ländern gibt es nach wie vor keine zuverlässigen Volkszählungen, und auch in westlichen Ländern werden etwa Todesfälle und Wanderungen nicht in Echtzeit erfasst. Ein angenommener Unsicherheitsfaktor von zwei bis drei Prozent macht demnach rund 200 Millionen Menschen aus, die es auf der Welt geben oder nicht geben könnte. Vor diesem Hintergrund wird klar, weshalb die United Nations diesmal davon Abstand nahmen, ein Baby symbolisch als siebenmilliardsten Weltbürger zu feiern.

Bevölkerungswachstum und Tragfähigkeit

Die zwei wichtigsten Fragen in diesem Zusammenhang werden selten öffentlich thematisiert. Erstens: Ist eine steigende Bevölkerungszahl denn ein Problem? Und zweitens: Wie viele Menschen verträgt die Erde? Beide werden in Werner Bootes Film „Population Boom” gestellt. Fast selbstverständlich nehmen wir mittlerweile an, dass jeder neugeborene Mensch uns vor weitere Schwierigkeiten stellt. Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung, Hunger und Klimawandel werden oft als unmittelbare Folgen des Bevölkerungswachstums betrachtet, alarmierende Schlagwörter wie Überbevölkerung oder Bevölkerungsexplosion tauchen in regelmäßigen Abständen in den Medien auf. Wissenschaftlich bewiesen ist diese Kausalität nicht.

Population Boom - Thomas Maltus Die Sichtweise, dass unser Planet mit einer steigenden Bevölkerungszahl schlicht überfordert sei, geht auf Thomas Robert Malthus zurück, den Boote ebenfalls erwähnt. Ende des 18. Jahrhunderts ging er – bei einer damaligen Weltbevölkerung von etwa einer Milliarde – davon aus, dass die Bevölkerung exponentiell wachse, der Nahrungsmittelertrag aber nur linear. Die Verelendung weiter Bevölkerungsteile, die in Armut leben und Hunger leiden würden, schien also unausweichlich. Die Weltbevölkerung nahm jedoch bis heute um weitere sechs Milliarden Menschen zu – und auch wenn heute zu viele Menschen in Armut leben, trafen ’Malthus‘ Annahmen bei Weitem nicht zu. Dennoch hält sich diese Sichtweise hartnäckig bis heute. Beispielsweise fügen sich Paul Ehrlichs Katastrophenszenarien aus seinem Buch „Population Bomb” von 1968 nahtlos in diese Reihe ein. Mitunter rechnete Ehrlich bis 1983 mit einer Milliarde Hungertoten. Die Neuauflage von 2009 hält an den ursprünglichen Inhalten fest, obwohl die vorhergesagten Szenarien in den letzten 40 Jahren genauso wenig wie in den Jahrhunderten davor eingetreten sind.

Population Boom - Antoni van Leeuwenhoek Erste Tragfähigkeitsberechnungen gehen bis auf das 17. Jahrhundert zurück. Der Tuchhändler Antoni van Leeuwenhoek schätzte die maximal verkraftbare Einwohnerzahl auf 13 Milliarden – was aus heutiger Sicht erstaunlich plausibel erscheint. Mittlerweile gibt es dutzende umfassende Untersuchungen, die eine enorme Spannweite aufweisen. Die mittleren Schätzungen gehen davon aus, dass die Grenze zwischen sechs und fünfzehn Milliarden liegt – somit läge die aktuelle Bevölkerungszahl nach wie vor im Rahmen. Entscheidend ist vor allem der Ressourcenverbrauch pro Person, bei dem schon immer hauptsächlich die westlichen Länder über die Stränge schlugen. Und doch sind solche Tragfähigkeitsberechnungen immer nur für einen bestimmten Zeitpunkt nachvollziehbar. Die Lebensweise ändert sich ständig, der technische Fortschritt schafft laufend neue Möglichkeiten. Die Wahrheit ist, dass auch hier niemand die Wahrheit kennt.

Geburtenzahlen

Population Boom – Lyndon B. Johnson Verändert hat sich im Laufe der Zeit der räumliche Fokus, hin zu den weniger entwickelten Ländern. Vor dem Hintergrund sinkender Geburtenraten in vielen westlichen Staaten und konstant hoher Kinderzahlen vor allem in Afrika und Asien, fürchtete man sich in den USA und Europa ab den 1940er-Jahren zunehmend vor einem globalen Bedeutungsverlust. So meinte der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson 1966 etwa: „There are 3 billion people in the world and we have only 200 million of them. We are outnumbered 15 to 1. If might did make right they would sweep over the United States and take what we have. We have what they want.”

Population Boom - Geburtenkontrolle Vor allem die USA waren in der Folge darauf bedacht, die Zuwachsraten der Bevölkerung außerhalb des eigenen Landes gering zu halten. Staaten mit hohem Bevölkerungswachstum wurden dazu gedrängt, sich um dieses Problem zu kümmern. Einerseits wurden diese Vorgaben über Zwänge wie Sterilisationen oder Pönalen, andererseits durch Anreize wie dem Zugang zu Dienstleistungen oder Ausbildungsmöglichkeiten umgesetzt – im Film tauchen die Beispiele China und Indien auf. Manche dieser Bevölkerungsprogramme waren effektiver als angenommen: Die Fertilitätsraten gingen sehr rasch deutlich unter das Ersetzungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau zurück. Liegt die Geburtenrate eines Landes unter diesem Wert, wird seine Bevölkerung (ohne entsprechend große Nettozuwanderung) langfristig zurückgehen und demografisch altern. Durch jahrelange Indoktrinierung haben viele junge Menschen in manchen Teilen Asiens das Gefühl, ein Kind sei eine zu große Bürde für den Staat, die sie ihm nicht (mehrfach) auferlegen können.

Population Boom – Hu Hongtao Länder durchlaufen in einem solchen Fall das Modell des demografischen Übergangs in wenigen Jahrzehnten, während dieser Prozess in Westeuropa teilweise mehr als 100 Jahre gedauert hat. Die Entwicklung von hohen zu niedrigen Fertilitäts- und Mortalitätsraten verläuft deutlich schneller, und so sind auch die Auswirkungen dieser Entwicklung unterschiedlich. Bei einem rapiden Rückgang der durchschnittlichen Kinderzahl gibt es in einer Gesellschaft vorübergehend wenige Kinder und wenige alte Personen. Es stehen viele Menschen für eine Erwerbsarbeit zur Verfügung, die Aufwendungen für das Sozialsystem sind gering. Langfristig ist jedoch mit einer starken demografischen Alterung zu rechnen, deren Auswirkungen einen Staat vor ernste Herausforderungen stellen können. So wird China mittelfristig zu einem der Länder mit dem höchsten Durchschnittsalter aufsteigen, wie auch der Vertreter des chinesischen Familienministeriums in „Population Boom” einräumt. Und wie in vielen anderen asiatischen Ländern, gibt es kaum Infrastruktur für Ältere und – wenn überhaupt – nur unzureichende staatliche Pensionssysteme.

Population Boom – Wolfgang Lutz Nachdem die Geburtenzahlen in Asien bereits deutlich gesunken sind, konzentriert sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf Afrika. Wieder werden die zwei Grundperspektiven diskutiert: „No development without the pill” gegenüber „Development is the best pill”. Während Vertreterinnen und Vertreter der einen Seite meinen, dass ohne Verhütungsmittel und groß angelegte Programme zur Senkung der Bevölkerungszahl kein Fortschritt, kein Wohlstand möglich seien, geht die Gegenperspektive davon aus, dass die Kinderzahl durch Entwicklung automatisch sinkt. Investitionen in das Humankapital sind nach dieser Sichtweise der Schlüssel zum Erfolg. So ergänzt auch der Demograf Wolfang Lutz in Bootes Film in einem Nebensatz: „Es gibt zu viele Menschen mit zu wenig Bildung.” Zum Beispiel zeigen Studien, dass der Zugang von Mädchen zu Bildungseinrichtungen einen enormen Einfluss auf die Kinderzahl hat: Jedes Jahr in Ausbildung verringert die Kinderzahl einer Frau um zehn Prozent. Beide Perspektiven können entsprechende Beispiele vorweisen, auch hier gibt es nicht die eine Wahrheit.

Das Wachstum verlangsamt sich bereits

Fakt ist: Das globale Bevölkerungswachstum geht bereits zurück. Die durchschnittliche jährliche Zuwachsrate war mit knapp zwei Prozent in den 1960ern am höchsten. Zwischen 2000 und 2010 nahm die Bevölkerung jährlich nur noch um 1,2 Prozent zu – und diese rückläufige Entwicklung wird sich fortsetzen. Ein weiterer Indikator dafür ist der Abstand zwischen den einzelnen Milliarden der Weltbevölkerung. Bis zum Erreichen der sechsten Milliarde hat sich dieser Abstand laufend verkürzt – und stagniert seitdem. Bis zur achten Milliarde wird es voraussichtlich 13 Jahre dauern.

Graph Nr1 Ebenfalls gehen im Gegensatz zu vielen Meldungen in den Medien aktuelle Bevölkerungsprognosen keineswegs von einer exponentiellen Zunahme aus. Gerne wird das Constant-Fertility Scenario der United Nations aufgegriffen. Diese unwahrscheinliche Variante dient allerdings nur zur Veranschaulichung. Der Fehler, dass aktuelle (Fertilitäts-) Werte linear in die Zukunft fortgeschrieben werden, wird jedoch häufig gemacht. Deshalb beachten realistischere Szenarien den Trend des Fertilitätsrückganges auch für die zukünftige Entwicklung. So sind nach der mittleren Variante – jene, die von den United Nations als derzeit wahrscheinlichste betrachtet wird – noch etwa drei Milliarden mehr Menschen zu erwarten. Die Weltbevölkerung dürfte sich gegen Ende des Jahrhunderts bei zehn Milliarden einpendeln und danach langsam zu sinken beginnen. Setzt sich der Fertilitätsrückgang noch schneller als erwartet fort, wie es in einigen Ländern der Fall ist, könnte der Höhepunkt der Weltbevölkerungszahl schon um 2050 erreicht werden. Aus heutiger Sicht – denn auch demografische Prognosen sind mit Unsicherheitsfaktoren behaftet und werden laufend angepasst, sie stellen keineswegs die tatsächliche zukünftige Entwicklung dar.

Graph Nr2 Erste Tragfähigkeitsberechnungen gehen bis auf das 17. Jahrhundert zurück. Der Tuchhändler Antoni van Leeuwenhoek schätzte die maximal verkraftbare Einwohnerzahl auf 13 Milliarden – was aus heutiger Sicht erstaunlich plausibel erscheint. Mittlerweile gibt es dutzende umfassende Untersuchungen, die eine enorme Spannweite aufweisen. Die mittleren Schätzungen gehen davon aus, dass die Grenze zwischen sechs und fünfzehn Milliarden liegt – somit läge die aktuelle Bevölkerungszahl nach wie vor im Rahmen. Entscheidend ist vor allem der Ressourcenverbrauch pro Person, bei dem schon immer hauptsächlich die westlichen Länder über die Stränge schlugen. Und doch sind solche Tragfähigkeitsberechnungen immer nur für einen bestimmten Zeitpunkt nachvollziehbar. Die Lebensweise ändert sich ständig, der technische Fortschritt schafft laufend neue Möglichkeiten. Die Wahrheit ist, dass auch hier niemand die Wahrheit kennt.

Die Zukunft:
Drama oder Erfolg?

Von einem grenzenlosen Bevölkerungswachstum kann also keine Rede sein, und mit der gegenwärtigen Nahrungsmittelproduktion könnten bei optimaler Verteilung näherungsweise 15 Milliarden Menschen versorgt werden. Alarmismus ohne wissenschaftliche Grundlage ist gerade bei demografischen Themen weit verbreitet, dramatischere Schlagzeilen sorgen für mehr Aufmerksamkeit, mehr Leserinnen und Leser, mehr Zuschauerinnen und Zuschauer, mehr Werbeeinnahmen.

Population Boom - Bevölkerungswachstum Erstaunlich ist auch die räumliche Diskrepanz in diesem Diskurs. Denn während viele Kinder in weniger entwickelten Ländern als Problem betrachtet werden, wünschen sich die alten Industrienationen händeringend mehr Nachwuchs: Es wird vor Arbeitskräftemangel und Unfinanzierbarkeit des Sozialstaats gewarnt. In der Tradition der demografischen Krisenrhetorik wurde Überbevölkerung nahtlos von Überalterung abgelöst. Wie so oft, bedarf es auch in der Demografie einer differenzierteren Sicht der Dinge. Man sollte sich öfter die Frage stellen, ob eine Entwicklung automatisch schlecht ist, nur weil sie negativ dargestellt wird. Schließlich kann die steigende Bevölkerungszahl auch als Erfolgsgeschichte der Menschheit interpretiert werden. Denn auch in vielen Entwicklungsländern wird die medizinische Versorgung immer besser, die Ernährungssicherheit nimmt zu. Und so trägt auch die steigende Lebenserwartung dazu bei, dass immer mehr Menschen auf unserem Planeten leben.

Husa, Karl, Christof Parnreiter und Helmut Wohlschlägl [Hrsg.] (2011): Weltbevölkerung. Zu viele, zu wenige, schlecht verteilt? – Wien. Population Reference Bureau – Videoblog „Distilled Demographics”: http://www.prb.org/Journalists/DistilledDemographics.aspx Population Reference Bureau – Population Handbook: http://www.prb.org/pdf11/prb-population- handbook-2011.pdf United Nations – Data Explorer: http://data.un.org/